Kleinigkeiten und das Unmögliche

Kleinigkeiten und das Unmögliche

Plötzlich funktioniert die Tastatur nicht mehr. Kein Problem, müssen halt 3 neue Batterien herein. Also zum Schrank laufen, aber dort sind nur noch 2 Batterien drin. In einer Taschenlampe finde ich dann die dritte und die Tastatur funktioniert erstmal. Ich bestelle gleich ein 20er Pack wie sonst auch, aber die Lieferzeit ist plötzlich nicht mehr morgen. Der nette kleine Hinweis, dass auf Grund von Lieferschwierigkeiten keine genaue Aussage getroffen werden kann, macht mich nachdenklich.

Die Batterien kommen sicherlich aus China. Dort sind nach dem Ausbruch des Virus von 300 Millionen Wanderarbeitern nach dem Neujahrsfest 200 Millionen nicht mehr an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt. Die Lage im Reich der Mitte ist sehr unübersichtlich, offiziellen Informationen glaubt niemand mehr, die Gerüchteküche produziert effektive Wahrheiten, aber sicherlich auch viel Fake News. Wer geht schon für einige Yuan in die Hölle mit ungewissen Ausgang? Also bleiben die Arbeiter lieber zuhause und Produktionsketten brechen in sich zusammen.

Ich stelle fest, dass ich plötzlich von Kleinigkeiten abhängig bin, die ich bisher nie beachtet habe. Batterien gibt es selbstverständlich immer und fast überall. Nun ist Just-in-Time eine schöne Erinnerung von vor 2020. Lieferketten fallen zusammen, die Produktion in China und generell in Asien ist ein hoher Risikofaktor geworden. Bekam ich früher meine Bestellung per Luftfracht in kalkulierbarer Zeit, ist das nicht unbedingt mehr so oder wesentlich teurer. Viel Ware wird zum Auffüllen von Frachtraum kostengünstig und schnell per Flieger geliefert. Wenn nun aber fast niemand mehr fliegt, dann gibt es keinen günstigen Frachtraum mehr. Die Ware kommt dann per Schiff oder Transsibirischer Eisenbahn, was wesentlich länger dauert.

Alle großen Dinge scheitern im Detail, an Kleinigkeiten, an die man nicht ernsthaft geglaubt hat. Ein nicht richtig funktionierender Dichtring, Herstellungskosten vielleicht ein paar Hundert oder Tausend Euro, bringt dann mal schnell eine Raumfähre zur Explosion und verursacht einige Milliarden Euro Schaden, von den Menschenleben mal ganz abgesehen. Wir kennen diese Geschichten von überall her, nun können sie uns in unseren Maßstäben selber treffen.

Wenn die Dinge sich in China weiter so negativ entwickeln, werden wir unser Denken neu trainieren müssen. Nichts ist mehr so selbstverständlich, wie es war. Wir müssen alles hinterfragen, Plan B und C im Hinterkopf verankern. Die älteren Mitbürger aus der DDR können recht schnell ihre antrainierten Fähigkeiten reaktivieren. Ihr siebter Sinn und ihr Improvisierungsgeschick, von vielen Wessis lange Zeit belächelt, könnte plötzlich wieder sehr gefragt sein.

Zudem werden sich sehr schnell die Kosten erhöhen. Bisher war Ware aus China sehr preiswert, im Laufe der Zeit mit immer besserer Qualität, so dass sie aus unserem Leben gar nicht mehr heraus zu denken waren. Millionen von Chinesen haben für uns sehr billig gearbeitet. Wie geht das weiter, wenn ggf. neue Produktionsquellen erschlossen werden müssen, womöglich in Europa unter sehr verschärften Arbeits- und Umweltbedingungen? Die Kostensteigerungen werden sicherlich bedeutend sein. Es gibt viele Kleinigkeiten in einer unendlich langen Kette zu bedenken. Jedes Glied der Kette ist entscheidend und hat auf die Funktion der Kette maßgeblichen Einfluss. Wir können die Kette von Xiao an der Drehmaschine im schönen Guilin über Juan, den philippinischen Frachtschiffkapitän, bis ins Kanzleramt und darüber hinaus spannen. Überall werden wir zum Teil massive Auswirkungen auf unser Leben finden, die sich erst nach dem dritten oder vierten oder noch späteren Gedankengang ergeben. Das ist unsere neue Herausforderung: das Unmögliche denken.


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